Wintermeer

Am Lido von Venedig, Winter, nachts.

(Gedicht in Erwartung und im Erleben des Meeres im Winter)

Im Winter ist das Meer kalt, sagt man,
wenn Wellen an die Strände schlagen,
nur um sich in sich selber zu ergießen.

Dann findet man die Muscheln ungepflügter Strände.
Wenn Wellenkämme Tanghaar kräuseln,
so ruht das Meer voll in sich selbst.

Der Badestrand überwintert als Düne,
aufgeschoben bis zum Sommer.
Dann wird er wieder ausgebreitet
zu Füssen des zahlenden Publikums.

Knirscht deshalb mein Schritt so
beim Hinschreiten auf dem Teppich
aus Muschelschalen?

Als liefe ich über Scherben des Meeres,
harschig wie Firnschnee.

Apfelessend sammle ich Wintergast
Muscheln und Seeschnecken.
Nicht einmal knirscht mir
der Sand zwischen den Zähnen.

  Klaus Gölker © 2000-2026

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